Wir reden ständig über CO₂, Autos und Flugreisen – aber ein leiser Killer läuft oft unter dem Radar: die Flächenversiegelung. Wenn wir weiter jede freie Ecke asphaltieren, pflastern und mit Kies „pflegeleicht“ zudecken, gefährden wir nicht nur ein paar Schmetterlinge, sondern buchstäblich unsere Lebensgrundlagen. Klingt übertrieben? Ist es nicht. Versiegelte Flächen heizen unsere Städte auf, verstärken Überschwemmungen, zerstören Böden als Lebensraum und verschärfen die Klimakrise. Kurz: Wenn wir weitermachen wie bisher, schneiden wir uns den Ast ab, auf dem wir sitzen – kein Witz.
Dieses Thema ist unbequem, weil es uns alle betrifft: Hausbesitzerinnen, Mieter, Kommunalpolitik, Gewerbe, Landwirtschaft. Jeder Parkplatz, jede gepflasterte Einfahrt, jede „Steinwüste“ im Vorgarten ist Teil eines großen Problems, das wir lange unterschätzt haben. Gleichzeitig steckt darin eine enorme Chance: Entsiegelung und naturnahe Gestaltung sind vergleichsweise einfach, lokal sichtbar und schnell wirksam.
In diesem Artikel schauen wir uns an, warum Asphalt und Kies so problematisch sind, wie sie Klima, Wasserhaushalt, Artenvielfalt und unsere eigene Gesundheit beeinflussen – und was wir dagegen tun können. Wir werden konkret: mit Beispielen, Alternativen und Handlungsmöglichkeiten, die sich heute umsetzen lassen.
Denn eines ist klar: Wir brauchen Straßen, Wege und Siedlungen – aber nicht jeden Quadratmeter zubetoniert. Es geht nicht um Verzicht auf Zivilisation, sondern um ein intelligentes Miteinander von bebauter und lebendiger Fläche.
Warum Asphalt und Kies uns alle betreffen
Flächenversiegelung klingt technisch und abstrakt, ist aber im Alltag überall sichtbar: Parkplätze aus Asphalt, gepflasterte Innenhöfe, Gewerbegebiete, Wohnsiedlungen mit betonierten Einfahrten und Schottergärten. All diese Flächen haben eines gemeinsam: Wasser kann nicht mehr in den Boden einsickern, und der natürliche Austausch zwischen Boden, Wasser, Luft und Lebewesen wird massiv gestört. Das ist kein Randthema, sondern ein systemisches Problem, das direkt zu mehr Hitze, mehr Hochwasser, weniger Grundwasser und weniger Arten führt.
Deutschland versiegelt immer noch mehrere Dutzend Hektar pro Tag – das entspricht vielen Fußballfeldern, die jeden Tag dauerhaft ihrer natürlichen Funktionen beraubt werden. Jede kleine Fläche wirkt vielleicht harmlos, aber in der Summe entsteht ein Netz harter Oberflächen, das ganze Regionen verändert. Selbst wer „nur“ in einer Mietwohnung in der Stadt lebt, spürt die Folgen: drückende Hitze im Sommer, überlaufende Kanalisation bei Starkregen, weniger Grün, weniger Schatten.
Asphalt und Kies sind beliebt, weil sie „ordentlich“, „pflegeleicht“ und scheinbar praktisch sind. Doch diese Bequemlichkeit kommt mit hohen Folgekosten, die nicht auf der Rechnung des Pflasterbetriebs erscheinen, sondern später als Schäden: überflutete Keller, Hitzestress, ausgetrocknete Böden, sterbende Stadtbäume. Die Rechnung zahlen wir alle über Versicherungen, Steuern, Gesundheitskosten und Qualitätsverlust unserer Lebensräume.
Es geht also nicht um Geschmack oder Gartengestaltung im Detail, sondern um eine zentrale Zukunftsfrage: Wie viel lebendige Fläche bleibt uns? Wenn wir alles asphaltieren und mit Kies bedecken, verlieren wir die Ökosystemfunktionen, die uns überhaupt erst stabile Städte, Landwirtschaft und ein erträgliches Klima ermöglichen.
Versiegelte Flächen: Das stille Klimarisiko
Versiegelte Flächen verstärken die Klimakrise auf mehreren Ebenen – oft leise, aber hochwirksam. Sie zerstören Böden, die eigentlich Wasser speichern, CO₂ binden und Mikroklima ausgleichen können. Stattdessen entstehen Flächen, die Regenwasser rasch ableiten, sich stark aufheizen und kaum noch Leben zulassen. Diese Effekte summieren sich und machen Regionen deutlich anfälliger für Extremwetter, die durch den Klimawandel ohnehin zunehmen.
Eine zentrale Rolle spielt der Verlust der „Klimaanlage Boden“. Ein gesunder, unversiegelter Boden kühlt durch Verdunstung, speichert Kohlenstoff und puffert Temperaturschwankungen. Unter Asphalt und Kies wird er zu toter Masse: luftdicht abgeschnitten, überhitzt, ausgetrocknet. Die Folge: Hitzeextreme nehmen zu, Pflanzen sterben ab, und die lokale CO₂-Bilanz verschlechtert sich. So wirkt jede versiegelte Fläche wie ein kleines, aber dauerhaftes Klimaproblem.
Wichtige Klimarisiken durch Versiegelung (Übersicht)
| Klimarisiko | Wie Versiegelung es verstärkt | Konkrete Folgen vor Ort |
|---|---|---|
| Hitzeextreme | Keine Verdunstung, starke Aufheizung von Asphalt | Hitzestress, mehr Hitzetote, aufgeheizte Gebäude |
| Starkregen und Hochwasser | Kein Versickern, schneller Oberflächenabfluss | Überflutete Straßen, Keller, Kanalüberläufe |
| Dürre und Wassermangel | Geringere Grundwasserneubildung | Austrocknende Brunnen, geschwächte Vegetation |
| Verlust von CO₂-Senken | Zerstörung humusreicher Böden | Weniger Kohlenstoffspeicherung |
| Rückgang von Vegetation | Weniger Platz und Wasser für Pflanzen | Weniger Schatten, weniger Kühlung, weniger O₂ |
Diese Risiken wirken nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig. Eine aufgeheizte Stadt mit wenig Grün hat gleichzeitig mehr Hitzestress, weniger Regenwasserspeicherung und schlechtere Luftqualität. Wenn dann Starkregen fällt, trifft er auf harte, versiegelte Flächen – das Wasser rauscht oberflächlich ab, statt im Boden gespeichert zu werden, und sorgt für Überschwemmungen, während die Region langfristig unter Wassermangel leidet.
Damit wird klar: Flächenversiegelung ist ein Klimathema, kein Randaspekt der Stadtplanung. Wer Klimaschutz und Klimaanpassung ernst nimmt, muss systematisch entsiegeln, grüne Infrastruktur fördern und dafür sorgen, dass Böden wieder als aktive Verbündete im Klimasystem arbeiten können. Solange wir weiter jede Baulücke und jeden Vorgarten zubetonieren, sabotieren wir unsere eigenen Klimaziele.
Wenn Regen nicht versickert: Fluten als Folge
Wenn Regen auf eine natürliche Fläche fällt, versickert ein Großteil im Boden, wird in Pflanzen gespeichert oder in Feuchtgebieten und Mulden gepuffert. Auf Asphalt, Beton und dicht verlegtem Pflaster passiert das Gegenteil: Das Wasser kann nicht eindringen, sammelt sich auf der Oberfläche und fließt schnell in Kanalisation, Gräben und Gewässer. Je mehr versiegelt ist, desto weniger kann der Boden als Schwamm wirken – und desto schneller wird Starkregen zur Sturzflut.
Gerade in Zeiten des Klimawandels mit häufigeren Starkregenereignissen ist das ein massives Risiko. Innerhalb weniger Minuten fallen Wassermengen, für die unsere Kanalisation oft gar nicht ausgelegt ist. Das System läuft über, Gullis sprudeln, Straßen werden zu Flüssen, Keller laufen voll. Was als kurzer, heftiger Schauer beginnt, endet lokal als Katastrophe – nicht nur auf dem Land, sondern gerade auch in dicht bebauten Stadtgebieten.
Typische Folgen mangelnder Versickerung
- Rascher Oberflächenabfluss statt langsamer Versickerung
- Überlastung der Kanalisation und Rückstau in Gebäude
- Erosion von Hängen und Böschungen durch Sturzfluten
- Verschlammte Straßen und verschmutzte Gewässer (Eintrag von Öl, Reifenabrieb, Dünger, Pestiziden)
- Lokale Überflutungen selbst fernab großer Flüsse
Was Versickerung normalerweise leisten würde
- Pufferung von Starkregen im Boden („Bodenschwamm“)
- Natürliche Filterung von Schadstoffen im Erdreich
- Langsame Abgabe an Grundwasser und Bäche, statt plötzlicher Schwall
- Stabilisierung des Wasserhaushalts in Trockenperioden
- Versorgung von Bäumen und Vegetation mit Wasser
Indem wir große Flächen versiegeln, koppeln wir uns von diesem natürlichen Wasserkreislauf ab. Wir zwingen Regenwasser in Rohre und Kanäle, statt es dort zu speichern, wo es fällt. Das ist nicht nur unklug, sondern teuer: Kommunen müssen immer größere Entwässerungssysteme bauen, während gleichzeitig der Grundwasserspiegel sinkt. Am Ende zahlen wir doppelt – für Hochwasserschäden und für Wasserknappheit.
Eine Stadt oder Gemeinde, die ernsthaft Hochwasserschutz betreiben will, kommt um konsequente Entsiegelung, Versickerungsflächen, Regenrückhaltebecken und naturnahe Gestaltung nicht herum. Flächenversiegelung ist Hochwasserschutz rückwärts.
Hitzeinseln in Städten: Asphalt als Wärmespeicher
Asphalt und Beton funktionieren wie riesige Wärmespeicher. Sie nehmen Sonnenenergie tagsüber auf und geben sie langsam wieder ab – auch nachts, wenn wir uns eigentlich von der Hitze erholen müssten. In dichten Stadtquartieren ohne Bäume und Grünflächen entstehen so „Wärmeinseln“, in denen die Temperaturen mehrere Grad über dem Umland liegen. Für viele ist das nicht nur unangenehm, sondern lebensgefährlich, insbesondere für ältere Menschen, Kranke und Kinder.
Unversiegelte, bepflanzte Flächen verhalten sich hingegen ganz anders. Vegetation verdunstet Wasser, kühlt ihre Umgebung aktiv und spendet Schatten. Ein begrünter Innenhof kann 5–10 °C kühler sein als ein gepflasterter Parkplatz nebenan. Wo wir Asphalt durch Grün ersetzen, bauen wir also nicht nur etwas „Hübsches“, sondern eine wirkungsvolle Hitzeschutzmaßnahme.
Besonders problematisch sind große, zusammenhängende versiegelte Flächen wie Parkplätze von Einkaufszentren, breite Straßen, Logistikareale oder Industriegelände. Sie bilden große Hitzereservoire, die ganze Stadtteile thermisch aufladen. Wenn sich solche Hitzeinseln überlagern, entstehen in der Stadt regelrechte „Hitzekorridore“, in denen sich die Luft kaum abkühlt. Klimaanlagen kompensieren das nur scheinbar – sie verbrauchen Energie und heizen die Umgebungsluft zusätzlich auf.
Wer Hitzeaktionspläne für Städte entwickelt, muss daher bei der Flächenversiegelung ansetzen: mehr Bäume, mehr entsiegelte Höfe, wasserdurchlässige Beläge, begrünte Dächer und Fassaden. Jede vermiedene Asphaltfläche ist ein kleiner Beitrag gegen Hitzetode, Schlaflosigkeit, Kreislaufprobleme und steigende Energiekosten im Sommer. Asphalt ist nicht nur eine Verkehrsfläche – er ist ein Klimafaktor.
Boden als Lebensraum: Was unter Kies verschwindet
Boden ist weit mehr als „Dreck“ unter unseren Füßen. Er ist ein hochkomplexer Lebensraum voller Mikroorganismen, Pilze, Insekten, Regenwürmer, Wurzeln, Samenbanken und feinen Poren, in denen Wasser und Luft zirkulieren. In einem gesunden Quadratmeter Boden leben oft mehr Organismen als Menschen auf der Erde. Unter Asphalt, Beton oder dichtem Kies verschwindet dieses Leben Stück für Stück – der Boden wird zu einem inaktiven Substrat, das kaum noch ökologische Funktionen erfüllt.
Wenn wir Flächen mit Schottergärten oder dichtem Kies überziehen, zerstören wir nicht nur optisch die Landschaft, sondern versperren Pflanzen und Tieren den Zugang zum Boden. Wildbienen finden keine Nistplätze, Regenwürmer keine Nahrung, Bodenpilze keine Wurzeln, mit denen sie in Symbiose gehen können. Die natürliche Zersetzung von organischem Material, der Aufbau von Humus und die Speicherung von Nährstoffen werden unterbunden.
Beispiele für Funktionen lebendiger Böden
| Bodenfunktion | Bedeutung für uns | Was bei Versiegelung passiert |
|---|---|---|
| Wasser speichern | Hochwasserschutz, Versorgung in Trockenzeiten | Wasser rauscht ab, Boden trocknet aus |
| Nährstoffe bereitstellen | Ernährung von Pflanzen, Ertrag in Gärten/Feldern | Boden verarmt, Pflanzenwachstum bricht ein |
| Lebensraum bieten | Grundlage für Insekten, Vögel, Kleinsäuger | Arten verschwinden, Nahrungsketten brechen ab |
| Schadstoffe filtern | Reinigung von Regenwasser, Schutz des Grundwassers | Schadstoffe fließen direkt in Gewässer |
| Kohlenstoff speichern | Klimaschutz durch Humusaufbau | Kohlenstoff geht verloren, CO₂-Bilanz verschlechtert sich |
Gerade der oberste Bodenteil, die sogenannte Humusschicht, ist extrem wertvoll und zugleich empfindlich. Sie bildet sich über Jahrzehnte bis Jahrhunderte – und kann durch eine einzige Bautätigkeit oder eine dicke Kiesschicht praktisch ausgeschaltet werden. Selbst wenn der Belag später entfernt wird, dauert es lange, bis die Bodenbiologie sich erholt.
Unter Kies verschwindet also ein unsichtbares, aber lebenswichtiges Ökosystem. Wenn wir große Flächen so behandeln, entziehen wir Insekten, Vögeln und Pflanzen die Basis. Das Artensterben findet nicht nur in Regenwäldern statt, sondern direkt vor unserer Haustür – auf Parkplätzen, in Schottervorgärten und unter Pflastersteinen.
Warum jede gepflasterte Einfahrt ein Problem ist
Viele denken: „Was macht meine kleine Einfahrt schon aus?“ – doch genau diese Summe an „kleinen“ Flächen ist das große Problem. In Wohngebieten entstehen tausende Quadratmeter versiegelte Privatflächen: Einfahrten, Stellplätze, Terrassen, Zuwege. Jede einzeln betrachtet ist überschaubar, zusammen aber verändern sie den Wasserhaushalt und das Mikroklima ganzer Quartiere deutlich.
Gepflasterte Einfahrten sind besonders tückisch, weil sie oft so angelegt werden, dass sie möglichst „pflegeleicht“ sind: dicht verlegte Steine, verfugte Ritzen, vielleicht noch ein Rand aus Beton. Wasser kann kaum versickern, die Fläche heizt sich stark auf, und jeder Starkregen läuft direkt in den Straßengully – oder ins Nachbargrundstück. Wer sich so eine Fläche gönnt, lagert das „Wasserproblem“ einfach an die Allgemeinheit aus.
Hinzu kommt, dass gepflasterte Einfahrten meist dort entstehen, wo zuvor etwas anderes war: Wiese, Beet, Sträucher. Mit jedem umgestalteten Vorgarten verlieren wir ein Stück Lebensraum, Verdunstung, Schatten und Regenwasserspeicher. Das ist mehr als nur ein ästhetisches Thema; es geht um die ökologische Qualität unserer Wohngebiete. Selbst kleine Rasenstreifen vor Reihenhäusern sind als Grüninfrastruktur wichtiger, als viele glauben.
Wenn dann noch die Mode zu Schottergärten und großflächig gepflasterten „Designhöfen“ kommt, kippt ein ganzes Viertel in Richtung Steinwüste. Die Folge: heißere Sommer, mehr Überflutungen, weniger Vögel und Insekten, schlechte Luft. Jede Einfahrt mag nur einige Quadratmeter haben – aber in der Summe sind sie ein zentraler Hebel, um unsere Siedlungen klima- und naturverträglicher zu machen.
Naturnahe Alternativen zu Asphalt und Schotter
Die gute Nachricht: Wir brauchen nicht auf Wege, Einfahrten oder Stellplätze zu verzichten, um Flächen zu entsiegeln. Es gibt zahlreiche naturnahe Alternativen, die funktional, attraktiv und ökologisch deutlich besser sind als Asphalt und Schotter. Entscheidend ist, dass Wasser versickern kann, Bodenleben teilweise erhalten bleibt und Vegetation Platz findet.
Statt durchgängigem Betonpflaster können z.B. Rasengittersteine, Schotterrasen, wasserdurchlässige Pflaster mit breiten Fugen oder Kiesflächen mit hohem Grünanteil eingesetzt werden. Kombiniert mit Mulden, Rigolen oder kleinen Teichen lässt sich Regenwasser direkt vor Ort aufnehmen und speichern. So wird der Boden wieder zum Partner im Wassermanagement, statt zum Problemfall.
Für Gärten bieten sich vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten: Blühwiesen statt Kiesbeete, heimische Sträucher statt Gabionenwände, Schattenbäume statt weiterer Stellplätze, Hochbeete statt Betonterrassen. Auch Dächer und Fassaden können begrünt werden, um zusätzliche Kühlung und Lebensraum zu schaffen. „Pflegeleicht“ muss nicht „steinig“ heißen – im Gegenteil, gut geplante naturnahe Gärten können sehr pflegearm sein.
Wichtig ist auch die Veränderung im Kopf: Weg vom Ideal des „ordentlichen, sauberen“ Stein- oder Kiesgartens, hin zum Verständnis, dass etwas Wildwuchs, Blütenvielfalt und Laub am Boden Ausdruck eines gesunden Systems sind. Wer naturnahe Alternativen wählt, investiert nicht nur in die eigene Wohnqualität, sondern auch in die Zukunft seiner Nachbarschaft – kühler, grüner, lebendiger.
Was Kommunen jetzt gegen Versiegelung tun müssen
Kommunen haben einen enormen Hebel, wenn es um Flächenversiegelung geht. Sie entscheiden über Bebauungspläne, Stellplatzsatzungen, Vorgartengestaltung, öffentliche Plätze und Straßenquerschnitte. Wenn sie Versiegelung ernsthaft begrenzen wollen, müssen sie ihre Planungsinstrumente konsequent nutzen: weniger Pflichtstellplätze, mehr Grünauflagen, verbindliche Entsiegelungsquoten bei Neubau und Sanierung, klare Regeln gegen Schottergärten.
Darüber hinaus können Städte und Gemeinden mit gutem Beispiel vorangehen: Parkplätze entsiegeln, Baumscheiben vergrößern, öffentliche Plätze begrünen, Schulhöfe und Kita-Außenflächen in naturnahe Spielräume verwandeln. Auch Dach- und Fassadenbegrünungen auf öffentlichen Gebäuden senden ein starkes Signal und verbessern spürbar das Stadtklima. Entsiegelung sollte fester Bestandteil jedes Klimaanpassungskonzepts sein.
Finanzielle Anreize spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Kommunen können z.B. Niederschlagswassergebühren nach versiegelter Fläche staffeln, Entsiegelungen fördern oder Begrünungsmaßnahmen bezuschussen. Wer sein Grundstück entsiegelt, könnte Ermäßigungen oder Förderprogramme in Anspruch nehmen. Gleichzeitig können strengere Gebührenmodelle für voll versiegelte Grundstücke einen Anreiz schaffen, umzudenken.
Nicht zuletzt braucht es Aufklärung und Beteiligung: Informationskampagnen, Beratungsangebote, Bürgerworkshops. Wenn Menschen verstehen, warum ihre Einfahrt, ihr Vorgarten oder ihr Parkplatz Teil eines größeren Problems ist – und welche Alternativen es gibt – steigt die Bereitschaft zur Veränderung deutlich. Kommunen sind hier Moderatoren eines Kulturwandels weg von Steinwüsten hin zu klimaresilienten, lebendigen Orten.
Was du selbst gegen Flächenversiegelung tun kannst
Auch als Einzelperson hast du mehr Einfluss, als du vielleicht glaubst. Zuerst auf deinem eigenen Grundstück: Versiegelte Flächen entsiegeln, wo es möglich ist; Pflastersteine auflockern oder teilweise entfernen; Kiesflächen zu Beeten oder Blühwiesen umgestalten; statt eines zusätzlichen Stellplatzes einen Baum pflanzen. Jeder Quadratmeter, den du dem Boden zurückgibst, zählt unmittelbar.
Wenn du neu baust oder sanierst, plane von Anfang an versickerungsfähige Beläge ein: Rasengitter, breite Fugen, wasserdurchlässige Steine, begrünte Flächen statt durchgehender Steinwüsten. Frage gezielt nach ökologischen Alternativen und lasse dir nicht einreden, dass „pflegeleicht“ nur mit Kies und Beton geht. Wichtig: Dachbegrünung erwägen – selbst ein kleines Gründach auf Garage oder Carport hilft bei Kühlung und Wasserspeicherung.
Du kannst auch über dein Grundstück hinaus wirken: in der Eigentümergemeinschaft, im Nachbarschaftsverein, in der Schule deiner Kinder, im Sportverein. Mach das Thema Versiegelung zum Gespräch – sachlich, mit konkreten Beispielen und Angeboten zur Mithilfe. Vielleicht lässt sich der Parkplatz des Vereins teilweise entsiegeln oder die Kita bekommt einen naturnahen Garten statt Betonhof.
Und schließlich: Nutze deine Stimme politisch. Sprich deine Kommune auf Entsiegelungsprogramme an, unterstütze Initiativen für mehr Stadtgrün, beteilige dich an Bürgerbeteiligungen zu Bebauungsplänen, wähle Parteien und Kandidat:innen, die Flächenverbrauch und Versiegelung ernsthaft begrenzen wollen. Klimaschutz beginnt nicht erst im Bundestag, sondern vor deiner Haustür. 🌱🌧️🏡
Häufig gestellte Fragen und Antworten zur Versiegelung
1. Was genau bedeutet „Flächenversiegelung“?
Flächenversiegelung bezeichnet das Bedecken des Bodens mit wasserundurchlässigen Materialien wie Asphalt, Beton, dichtem Pflaster oder auch Folien, sodass Niederschlag nicht mehr oder nur stark eingeschränkt versickern kann und der natürliche Boden-Luft-Wasser-Austausch unterbunden wird.
2. Ist Kies nicht automatisch wasserdurchlässig und daher unproblematisch?
Nicht unbedingt. Eine dünne, locker verteilte Kiesschicht kann Wasser durchlassen. In der Praxis werden Kiesflächen aber oft mit Vlies, Folien oder stark verdichtetem Unterbau angelegt. Dann kann Wasser kaum versickern, und der Boden darunter wird praktisch stillgelegt. Zudem fehlt fast jede Vegetation.
3. Warum sind Schottergärten so schädlich?
Schottergärten sind meist fast vollständig versiegelt, heizen sich stark auf, bieten keinen Lebensraum und kaum Nahrung für Tiere und Pflanzen. Sie verschlechtern Mikroklima, Wasserhaushalt und Artenvielfalt – und sind, entgegen der Werbung, oft gar nicht so pflegeleicht, weil sich schnell Unkraut ansiedelt und Algen sowie Moos entstehen.
4. Hilft es, Fugen im Pflaster offen zu lassen?
Ja, zumindest teilweise. Breite, unversiegelte Fugen mit Sand oder Substrat können Wasser versickern lassen und Pflanzen Raum geben. Das ersetzt keine große Grünfläche, ist aber deutlich besser als komplett verfugtes oder versiegeltes Pflaster. Optimal sind Kombinationen aus durchlässigem Belag und angrenzenden Grünflächen.
5. Wie erkenne ich, ob eine Fläche versiegelt ist?
Faustregel: Wenn Wasser sichtbar abläuft und kaum einsickert, ist die Fläche (weitgehend) versiegelt. Asphalt, Beton und gefugtes Pflaster sind klar versiegelt. Bei Kies, Splitt oder Rasengitter hängt es von Unterbau, Folien und Verdichtung ab. Ein einfacher Test: Gieße einen Eimer Wasser aus und beobachte, was passiert.
6. Was bringt Entsiegelung konkret gegen Hochwasser?
Entsiegelte Flächen wirken wie Schwämme: Sie nehmen Regen auf, speichern ihn und geben ihn langsam wieder ab. So werden Spitzenabflüsse reduziert, die Kanalisation entlastet und lokale Überflutungen gemindert. Je größer der Anteil unversiegelter Flächen in einem Einzugsgebiet, desto robuster ist es gegenüber Starkregen.
7. Sind begrünte Dächer wirklich so effektiv?
Ja. Gründächer können je nach Aufbau 50–80 % des Jahresniederschlags zurückhalten oder verzögert abgeben. Sie kühlen Gebäude, schützen die Dachhaut, schaffen Lebensraum für Insekten und verbessern das Stadtklima. Besonders in dicht bebauten Gebieten sind sie eine der wirkungsvollsten Maßnahmen gegen Hitze und Versiegelungsfolgen.
8. Gibt es gesetzliche Vorgaben gegen Versiegelung?
In Deutschland gibt es z.B. das Ziel, den täglichen Flächenverbrauch stark zu reduzieren, und in vielen Bundesländern sowie Kommunen existieren Vorgaben zu Versickerung, Begrünung und Gestaltung von Vorgärten. Details hängen stark von der jeweiligen Gemeinde ab. Viele Kommunen untersagen mittlerweile explizit Schottergärten in Neubaugebieten.
9. Kostet Entsiegelung nicht sehr viel Geld?
Kurzfristig entstehen natürlich Kosten. Langfristig spart Entsiegelung aber Geld: Weniger Hochwasserschäden, geringerer Bedarf an überdimensionierten Entwässerungssystemen, weniger Hitzeschäden und Gesundheitskosten, höherer Immobilienwert durch bessere Aufenthaltsqualität. Viele Kommunen fördern Entsiegelungsmaßnahmen sogar finanziell.
10. Ich habe nur einen kleinen Balkon – kann ich trotzdem etwas tun?
Ja. Auch wenn du nichts am Boden versiegeln oder entsiegeln kannst, kannst du Grün in die Stadt bringen: Balkon- und Fassadenbegrünung, Kübelpflanzen, Insektenfreundliche Blumen, Regenwassernutzung in Tonnen (wo erlaubt). Außerdem kannst du das Thema im Haus, in der Nachbarschaft und politisch voranbringen. Jede Stimme, jede Pflanze und jedes Gespräch zählt.
Flächenversiegelung ist kein abstraktes Fachwort, sondern ein sehr konkreter Angriff auf unsere Lebensgrundlagen. Wenn wir alles asphaltieren und mit Kies bedecken, verlieren wir Böden als Wasserspeicher, Klimaregulator, Lebensraum und Kohlenstoffsenke – und damit genau die Systeme, die uns vor Hitze, Hochwasser und Artensterben schützen. Die Vorstellung, wir könnten uns in einer vollständig gepflasterten Welt noch wohl und sicher fühlen, ist eine gefährliche Illusion.
Die gute Nachricht: Anders als bei vielen globalen Problemen können wir hier vor Ort handeln – sofort, sichtbar und wirksam. Jede entsiegelte Einfahrt, jeder begrünte Innenhof, jede aufgebrochene Betonfläche verändert das System im Kleinen. Und in der Summe entsteht ein echter Unterschied für Klima, Wasserhaushalt und Artenvielfalt.
Es liegt an uns, ob unsere Städte und Dörfer zu lebensfeindlichen Steinwüsten werden oder zu klimaresilienten, grünen Lebensräumen. Wir haben das Wissen, die Technik und die Möglichkeiten, anders zu bauen und zu gestalten. Was fehlt, ist vor allem der Wille, flächendeckend umzusteuern.
Wenn wir ihn aufbringen, kann aus dem stillen Klimarisiko Versiegelung ein sichtbares Erfolgsprojekt werden: für kühlere Sommer, weniger Überflutungen, mehr Natur und eine lebenswerte Zukunft. Fangen wir an – am besten heute.
